
Donnerstag, 16. Juli 2026 |
„Menschen prägen Orte“: EHC Red Bull München-Trainer Oliver David im Interview
Wer Oliver David bei Spielen im SAP Garden beobachtet, sieht auf den ersten Blick einen Trainer, der meist ruhig wirkt. Einen, der selten große Gesten braucht und lieber beobachtet als laut wird. Dass hinter dieser Gelassenheit ein Mensch steckt, der sich selbst permanent unter Druck setzt, verrät unser Coach erst auf den zweiten Blick.
Dabei begann alles weit entfernt von München. David wuchs in Los Angeles auf, zwischen Surfern, Skatern, Hip-Hop und der kalifornischen Freizeitkultur der 1980er- und 1990er-Jahre. Eishockey war dort damals noch kein Selbstläufer. Wayne Gretzky war noch nicht bei den Los Angeles Kings, als David mit vier Jahren seine ersten Schritte auf dem Eis machte. Und anders als viele Nachwuchsspieler träumte er nicht ausschließlich von der NHL. Ihn faszinierte etwas anderes: die Welt außerhalb Kaliforniens.
„Ich hatte immer die Olympischen Spiele im Kopf. Ich wollte die Welt sehen“, sagt David. Schon als Teenager reiste er mit einer US-Auswahl nach St. Petersburg. Dort entstand eine Leidenschaft, die ihn bis heute begleitet: das Reisen und das Entdecken neuer Kulturen.

Karriere in Europa statt Nordamerika
Vielleicht erklärt genau das seinen Karriereweg. Während viele nordamerikanische Trainer Europa als Alternative betrachten, wenn sich in der Heimat keine Tür öffnet, sieht David seine Laufbahn anders. Der Schritt über den Atlantik war kein Plan B. Er war Teil des Plans. Seines Plans.
Nach Stationen in der Schweiz und Österreich, wo er zweimal mit dem EC Red Bull Salzburg die ICE Hockey League gewann, übernahm der Kalifornier im Sommer 2025 den Trainerposten beim viermaligen deutschen Meister. „Ich bin nicht hier, weil ich es in Nordamerika nicht geschafft habe. Ich bin hier, weil Europa der Ort war, an dem ich es schaffen wollte.“
Dass er heute in München lebt, hat längst nicht mehr nur mit Eishockey zu tun. Gemeinsam mit seiner Familie hat er hier ein Zuhause gefunden. Seine beiden Kinder sprechen Deutsch, nachdem sie bereits in der Schweiz zur Schule gingen. Nach mehreren Umzügen innerhalb weniger Jahre ist Beständigkeit zu einem wichtigen Wert geworden. „Meine Kinder mussten in fünf Jahren dreimal die Schule wechseln. Das ist nicht einfach. Deshalb ist München für uns ein Ort, an dem wir Stabilität schaffen möchten.“

„Ich möchte als Trainer immer besser werden“
Wer David zuhört, merkt schnell, dass er Eishockey weniger als Beruf versteht, denn als Handwerk. Er spricht darüber ähnlich wie über seine zweite große Leidenschaft: das Surfen. Beides sei ein Prozess, bei dem man nie fertig werde. „Ich möchte als Trainer immer besser werden. Es geht um die Suche nach Perfektion.“
Diese Haltung prägt auch seine Arbeit mit Spielern. Talent allein beeindruckt ihn nicht. Wichtiger sind Charakter, Lernbereitschaft und die Fähigkeit, Teil einer Gruppe zu sein. Sein persönlicher Leitsatz lautet: „Menschen prägen Orte.“
Ein Satz, der auch viel über seine Vorstellung von Mannschaftssport verrät. Für unseren Coach entstehen erfolgreiche Teams nicht zuerst durch Systeme oder Taktiktafeln, sondern durch Menschen, die Verantwortung übernehmen und die Kultur einer Organisation mittragen.
Blick nach vorne
Vielleicht erklärt das auch, warum ihn Nervosität bis heute begleitet. Vor wichtigen Spielen spüre er Angst, sagt David offen. Nicht die Angst vor Niederlagen. Sondern die Angst, Erwartungen nicht gerecht zu werden. „Wenn man gar keine Angst hat, bedeutet das vielleicht, dass einem etwas nicht wichtig genug ist.“
Nach dem Ende der vergangenen Saison überwog zunächst die Enttäuschung. Zu groß war das Gefühl, dass mehr möglich gewesen wäre. Inzwischen richtet sich der Blick nach vorne. David sieht keine Mannschaft, die bei null beginnt. Sondern eine, die weiterwachsen soll. Oder wie er selbst sagt: Es geht nicht darum, neu anzufangen. Es geht darum, weiterzubauen.

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