
Donnerstag, 19. März 2026 |
EHC Red Bull München: Interview mit Oliver David vor den DEL-Playoffs 2025/26
Deine erste DEL-Hauptrunde ist offiziell vorbei. Bist du mit deiner persönlichen Reise bis hierhin und der der Mannschaft bislang zufrieden?
Oliver David: „Ja. Es war eine Saison mit Höhen und Tiefen. Aber das ist soweit auch ganz normal. Wir sind mit einem neuen Trainerteam in die Saison gestartet, das sich untereinander nicht kannte und noch nie zusammengearbeitet hat. Das ist schon ungewöhnlich. Wir mussten erst in unsere Rollen finden und herausfinden, wie die Dynamiken sind.“
Gleiches gilt für die Mannschaft.
David: „Exakt. Fast die Hälfte des Teams bestand aus Neuzugängen, das ist der unglaublichste Teil unserer Geschichte, wenn man sich die Jungs jetzt anschaut. Aber wenn man das berücksichtigt, ist es nur logisch, dass wir nicht mit 10:0-Siegen in die Saison gestartet sind. Die meisten mussten erst einmal das Red Bulls-System verstehen und verinnerlichen, was gerade für die Nordamerikaner eine große Umstellung ist, weil dort anders Eishockey gespielt wird. Es war bis hierhin eine Menge Coaching, das viel daraus bestand, den Spielern unsere Philosophie immer wieder in Erinnerung zu rufen. Das ist uns gelungen und bis zu diesem Punkt war es eine tolle Reise – der schwierigste Teil dieser startet allerdings jetzt erst.“
Gab es im Verlauf der Hauptrunde Dinge, an die du dich als Liga-Neuling erst gewöhnen musstest oder die eine überraschende Herausforderung dargestellt haben?
David: „Dabei kommen mir als erstes die Arenen in den Sinn. Jedes einzelne Stadion, in dem wir diese Saison gespielt haben, war voll und extrem laut. Das hat mir sehr imponiert. Aber es ist eine großartige Erfahrung. Egal, wie groß die Stadt, wie klein das Dorf war, in dem wir gespielt haben: In jedem Stadion spürst du große Leidenschaft und Hingabe für das jeweilige Heimteam. Jede Woche denkt man sich aufs Neue: ‚Das war jetzt das lauteste Stadion, in dem ich je war‘. Bis zum nächsten Spiel. Als Coach musste man sich natürlich auch an die Spielweise und hohe Qualität in der DEL gewöhnen. Wir haben mit Sicherheit nicht immer nur richtige Entscheidungen getroffen, aber daraus haben wir jedes Mal gelernt.“
Highlights: EHC Red Bull München vs. Straubing Tigers (13.03.2026)
// DEL - HIGHLIGHTS
Sprechen wir über die Playoffs. Erstmals in der Geschichte der DEL beenden gleich vier Teams die Hauptrunde mit 100 oder mehr Punkten. Ist das ein Indikator für spektakuläre und enge Serien?
David: „Ich glaube schon. Aber die Sache mit den Playoffs ist, dass ab jetzt wirklich alles passieren kann. Du kannst dich perfekt auf ein Spiel vorbereiten, aber letztlich gibt es zahlreiche Faktoren, die in den Playoffs außerhalb deiner Kontrolle liegen. Abpraller, Fans, Ausrutscher oder auch die Schiedsrichter – all das sind Kleinigkeiten, auf die du auch als Spieler auf dem Eis keinen Einfluss nimmst, aber trotzdem Spiele entscheiden können. Gleiches gilt für Verletzungen. Es ist eine Floskel, aber dir bleibt schlichtweg nichts anderes übrig, als von Spiel zu Spiel und für Spiel zu Spiel zu denken. Gerade bei einem so kompetitiven Teilnehmerfeld. Eishockey ist unvorhersehbar, aber das macht es auch so großartig.“
Trotz vieler, unvorhersehbarer Variablen, werfen wir einen Blick auf unseren ersten Gegner. Was erwartest du von der Serie gegen Ingolstadt, bei der obendrein der Derbyfaktor hinzukommt?
David: „Ingolstadt ist eines der schnellsten und besten Teams im Umschaltspiel. Wir sind uns der großen Herausforderung bewusst und sind uns darüber im Klaren, dass wir uns zu keiner Zeit entspannen können oder unachtsam sein dürfen. Das könnte uns Spiele kosten. Aber wir sind bereit und haben einen Plan. Dazu gehört auch, dass alle im Fokus sind, die richtigen Entscheidungen auf dem Eis treffen und mit voller Willenskraft verteidigen. Das ist unabdingbar, wenn wir auf die zweitgefährlichste Offensive der DEL treffen.“
Du sprichst es an. Fast 3,8 Tore pro Spiel, exzellente Konter – müssen wir unser Spiel, das von sehr aggressivem und offenem Forechecking lebt, entsprechend justieren?
David: „Ich würde sagen, Taktik darf sich verändern, System nicht. Wenn etwas nicht funktioniert, müssen wir natürlich Anpassungen vornehmen. Aber unsere Spielidee, den Puck führenden Spieler früh zu attackieren, verändert sich nicht. Ich sehe für uns weiterhin keinen Vorteil darin, darauf zu warten angegriffen zu werden. Das ist unsere Identität. In der Formel 1 hat auch jedes Team eine Rennstrategie, von der die besten nicht abweichen. Dass man mal einen Boxenstopp verschieben muss oder auf einen Plan B zurückgreifen kann, ist dann Teil guten Coachings. Du brauchst etwas, auf das du dich verlassen kannst, etwas Gewohntes und Gelerntes. Das bringt Selbstvertrauen.“

Bis Sonntagabend war noch nicht klar, ob wir gegen Ingolstadt, Berlin oder Bremerhaven spielen. Bremerhaven wäre der am weitesten gelegene Gegner in der DEL – nun spielen wir eines unserer zwei nächstmöglichen Derbys. Ist das gerade zu Beginn der Playoffs ein Vorteil in Bezug auf Reisestrapazen und Erholung?
David: „Aus meiner persönlichen Erfahrung aus Amerika und Österreich würde ich sagen: Nein. Als ich Coach in Alaska war, hatten wir Spiele, zu denen wir mehrere tausend Kilometer anreisen mussten. Das gehört, gerade in den Playoffs, einfach dazu. In Österreich durften wir uns als Hauptrundensieger den Gegner für die Playoffs aussuchen und haben uns dort auch für Teams entschieden, zu denen die Anreise vielleicht weiter ist. Am Ende ist es wichtiger, das Team gut zu analysieren und darauf zu achten, wie man bislang gegen die Mannschaft performt hat. Ich kann jeden Spieler verstehen, der sich freut, dass bei nahgelegenen Arenen die Familie zuschauen kann oder man auch zuhause mehr Zeit mit ihnen verbringt. Aber das macht die Spiele letztlich auch nicht einfacher. Das Wort einfach will ich in den Playoffs ohnehin in keinem Zusammenhang benutzen.“
Einfach dürfte auch folgende Entscheidung nicht sein: In unserem Kader stehen elf Importspieler, pro Spiel dürfen jedoch nur neun auflaufen. In Deutschland spricht man dabei von einem „Luxus-Problem“. Wie triffst du die Entscheidung, welche zwei Spieler pausieren müssen?
David: „In Bezug darauf, dass du mehr von etwas hast, als du brauchst, stimmt der Begriff vielleicht. Aber es ist für alle schwierig: die Spieler, für mich und die anderen Trainer. Wir widmen diesem Thema sehr viel Zeit. Welche Spieler haben vielleicht zuletzt nicht überragend performt, wer passt am besten zum Gegner, welche Reihen wollen wir nicht trennen, brauchen wir einen zusätzlichen Verteidiger oder mehr Optionen im Angriff – all das müssen wir berücksichtigen und daraufhin eine harte Entscheidung treffen. Zudem kommen immer Themen wie Krankheit und Verletzungen hinzu.“
Ein Thema, das uns in dieser Saison leider oftmals begleitet hat.
David: „Darüber wird wenig gesprochen, aber auch deshalb bin ich zufrieden mit der Hauptrunde. Viele haben die lange Liste an Ausfällen, die wir in dieser Saison hatten, vielleicht nicht in Gänze auf dem Schirm. Niederberger, DeSousa, Oswald, Brooks, Rieder, Eisenschmid, Kastner, Sinn, Daubner – jeder von ihnen hatte mehrwöchige Verletzungspausen.“

Sportler und Trainer verschreiben ihr Leben bewusst dem Sport. Wie intensiviert sich das während der Playoffs noch zusätzlich?
David: „Ab jetzt gibt es nur noch Eishockey. Selbst wenn wir uns mal einen ‚freien‘ Tag erlauben können, bist du in Gedanken im Spiel. Wenn es jetzt wärmer wird, kannst du vielleicht auch mal in die Sonne gehen oder Zeit mit der Familie verbringen, das tut gut und ist schön, aber die nächsten Wochen gehören unserem Sport. Und diese Einstellung ist oft hilfreicher, als eine längere Pause, um in einen Rhythmus zu kommen. Es wird zum Alltag und darauf freut man sich auch. Komisch wird es eigentlich erst dann, wenn die Saison plötzlich vorbei ist und du gar nicht weißt, was du jetzt machen sollst (lacht).“
Das Playoff-Mindset spielt eine große Rolle. Was zählt als deiner Erfahrung aus den letzten beiden Jahren, in denen du den EC Red Bull Salzburg zu zwei Meisterschaften geführt hast, noch dazu?
David: „Eine der wichtigsten Sachen, die ich nach Niederlagen erkannt habe, ist, dass du niemals überreagieren darfst. Natürlich, wenn du eine komplette Serie verlierst, ist es vorbei und du darfst Dinge auf den Kopf stellen. Aber solange du im Rennen bist: bleib ruhig. Egal, wie aussichtlos es scheint. Wenn du einen Marathon läufst und dein Schuh aufgeht, dann nehme dir die Zeit, bück dich und binde ihn vernünftig wieder zu. Wenn du den Schuh vor Hektik wegwirfst, wirst du das Rennen nicht erfolgreich beenden. Ich hoffe, man versteht, was ich meine (lacht). Die Navy Seals haben ein Credo: Langsam ist geschmeidig und geschmeidig ist schnell. Das finde ich ganz gut. Auch emotional sollte man nie überreagieren. Nach einer Niederlage bringen Schuldzuweisungen wirklich niemandem etwas.“
Teamzusammenhalt ist in den Playoffs also elementar für dich.
David: „Als Team bist du eine Familie. Du verbringst Zeit im Training, im Bus, in der Kabine, auf dem Eis und auf dem Hotelzimmer zusammen. Es muss harmonieren. Gleichzeitig ist klar, dass jeder einzelne innerhalb dieser Geschichte seine Rolle spielen wird. Zwei oder drei Spieler gewinnen dir keine Meisterschaft. Das Team muss immer an erster Stelle spielen – das gilt nicht nur für die zwei Importspieler, die pausieren müssen.“
Und hat unser Team das Zeug zur Meisterschaft?
David: „Davon bin ich überzeugt. Es gab in dieser Saison viele Spiele, in denen wir das unter Beweis gestellt haben. Wir können jeden in dieser Liga schlagen, auch, wenn wir zurückliegen. Als Trainerteam versuchen wir mit unserer Spielidee und dem Gameplan die Grundlage für die Spieler zu legen. Die Jungs müssen dann ihre Rollen auf dem Eis einnehmen. Defensiv, offensiv oder im Unter- und Überzahlspiel. Und ich habe dieses Jahr genug gesehen, um sagen zu können: Wir haben eine Chance!“

Mit Video
Zwei historische Club-Extreme: Zeitzeuge Phillip Sinn mittendrin// AKTUELLES

„WE RUN THIS TOWN“ – Die „geilste“ Zeit des Jahres beginnt!// AKTUELLES

Termine, Spielmodus, Tickets: Das müsst ihr zu den Playoffs wissen// AKTUELLES